Gewalt verhindern, bevor sie erneut passiert

Was passiert mit Menschen, die Gewalt ausgeübt haben? Wie erreicht man sie mit geeigneten Angeboten? Und wie kann gleichzeitig die Sicherheit der von Gewalt betroffenen Personen gewährleistet werden? Mit diesen Fragen beschäftigt sich auch GREVIO, das Expertengremium des Europarats zur Förderung der Umsetzung der Istanbul-Konvention in Liechtenstein.
Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt zu verhindern, bedeutet mehr, als den betroffenen Menschen Schutz und Unterstützung anzubieten. Ebenso wichtig ist die Arbeit mit denjenigen, die Gewalt ausgeübt haben. Denn nachhaltiger Opferschutz bedeutet auch, weitere Gewalt möglichst zu verhindern.
Ein Angebot für Menschen, die Gewalt ausüben
In Liechtenstein bietet die Bewährungshilfe mit «gewaltig.li» eine spezialisierte Gewaltberatung an. Sie richtet sich an Menschen, die Gewalt ausgeübt haben oder merken, dass sie ihr Verhalten nicht mehr ausreichend kontrollieren können.
Im Mittelpunkt steht die persönliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Gewaltverhalten. Gemeinsam wird angeschaut, was hinter der Gewalt steht, in welchen Situationen sie entsteht und welche anderen Möglichkeiten im Umgang mit Konflikten entwickelt werden können.
Die Beratung kann freiwillig in Anspruch genommen oder aufgrund einer gerichtlichen Zuweisung erfolgen. Auch im Rahmen eines Diversionsverfahrens kann eine Teilnahme verbindlich angeordnet werden.
Die Nachfrage steigt
Dass solche Angebote gebraucht werden, zeigt auch die Entwicklung der vergangenen Jahre.
2023 und 2024 wurden jeweils 13 Personen durch die Gewaltberatung begleitet. 2025 waren es bereits 23 Personen – damit hat sich die Zahl innerhalb eines Jahres beinahe verdoppelt.
Diese Entwicklung zeigt, dass Gewaltberatung zunehmend als Möglichkeit wahrgenommen und genutzt wird, das eigene Verhalten zu verändern.
Männer erreichen – und Verantwortung übernehmen
Eine der Herausforderungen besteht darin, Menschen, die Gewalt ausgeübt haben, überhaupt zu erreichen. Gerade Männer nehmen Unterstützungsangebote häufig nicht von sich aus in Anspruch.
Deshalb ist es wichtig, dass Informationen über die bestehenden Angebote dort ankommen, wo Gewalt auffällig wird. Eine aktive Vermittlung durch Behörden und Fachstellen kann dabei eine wichtige Rolle spielen – etwa durch Informationsmaterial oder durch die Möglichkeit, mit Zustimmung der betroffenen Person den Kontakt zur Gewaltberatung herzustellen.
Dabei geht es nicht darum, Verantwortung abzunehmen. Im Gegenteil: Gewaltberatung soll Menschen dabei unterstützen, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen und dieses nachhaltig zu verändern.
Opferschutz bleibt der Massstab
Bei jeder Arbeit mit gewaltausübenden Personen muss die Sicherheit der von Gewalt betroffenen Menschen im Mittelpunkt stehen.
Täterarbeit und Opferschutz gehören deshalb zusammen, haben aber unterschiedliche Aufgaben. Eine gute Zusammenarbeit zwischen den zuständigen Fachstellen ist besonders bei Fällen häuslicher Gewalt entscheidend.
In Liechtenstein gibt es bereits Kontakte zwischen den verschiedenen Institutionen. Gleichzeitig besteht Potenzial, den fachlichen Austausch zwischen Täterarbeit und Opferschutz noch verbindlicher und regelmässiger zu gestalten.
Nicht jedes Problem passt in ein Standardprogramm
GREVIO fragt auch danach, wie die Qualität solcher Angebote sichergestellt wird. Dabei ist eine zentrale Frage: Was braucht es, damit eine Intervention tatsächlich etwas verändert?
Standardisierte Programme können für bestimmte Zielgruppen sinnvoll sein. Gleichzeitig bringt jeder Mensch eine eigene Geschichte und eigene Konfliktmuster mit. Gerade bei Gewalt ist es deshalb wichtig, nicht nur allgemeine Verhaltensregeln zu vermitteln, sondern die persönliche Situation und die konkrete Gewaltdynamik zu verstehen.
Die Gewaltberatung der Bewährungshilfe arbeitet deshalb individuell und orientiert sich an der jeweiligen Person und ihrer Lebensgeschichte.
Gemeinsam weiterentwickeln
Die Fragen von GREVIO sind damit auch eine Gelegenheit, die bestehenden Angebote in Liechtenstein weiterzuentwickeln.
Es geht darum, Menschen, die Gewalt ausüben, frühzeitig zu erreichen, sie zur Übernahme von Verantwortung zu bewegen und ihnen wirksame Unterstützung bei einer Verhaltensänderung anzubieten. Gleichzeitig müssen Opferschutz und die Zusammenarbeit der beteiligten Stellen gewährleistet sein.
Liechtenstein verfügt mit der Gewaltberatung «gewaltig.li» bereits über ein spezialisiertes Angebot. Die nächsten Schritte bestehen darin, dieses Angebot noch besser bekannt zu machen, die Zusammenarbeit mit den relevanten Fachstellen weiterzuentwickeln und die Qualität der Arbeit kontinuierlich zu überprüfen.
Opferorientierte Täterarbeit bedeutet letztlich, beides zusammenzudenken: die Veränderung des Gewaltverhaltens und den Schutz vor weiterer Gewalt.
Denn Gewaltprävention beginnt nicht erst bei der nächsten Tat. Sie beginnt dort, wo Menschen bereit sind, ihr eigenes Verhalten zu verändern.
